Sonntag, 13. Dezember 2015

Vor Ort Hoffnung wecken - Reisebericht des Pharos-Vorstands

Regelmäßig besucht und berät unser Vorstand die Pharos-Projekte in Bosnien-Herzegowina. Der erste Vorstand, Hans Krämer, hat über den jüngsten Besuch im November 2015 einen kurzen Reisebericht verfasst, den wir hier veröffentlichen:

Alles in allem: Unsere Projekte sind gut unterwegs, doch die Risiken und Störgrößen sind nicht kleiner geworden. Hier nun einige Überschriften mit Erläuterungen in Kurzform:

Vertrieb von Himbeeren aus Fakovici in EU-Märkte möglich?
Sehen wir darin wirtschaftliche Vorteile?

Diese Frage besprachen wir am Sonntag (08.11.2015) ausführlich mit dem Beerenobstexperten Andreas Arnold. Unsere Idee war, dass 10 bis 20 Top-Erzeuger aus Fakovici im Jahr 2017 ca. 20 t tiefgefrorene Himbeeren in IQF-Qualität nach Deutschland verkaufen könnten als Pilotprojekt. Das Ziel wäre, einen höheren Gewinn zu erzielen, verglichen mit dem Gewinn auf lokalen Märkten.

Antwort in Kurzfassung: Ja, dies scheint ein realistisches Ziel zu sein. Nun geht es in Fakovici weiter mit der Frage eines Folgeantrags beim Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ):

Vorbereitung eines BMZ II-Antrages, das Beerenobstprojekt von 08/2016 bis 08/2017 erneut zu fördern. Ist dies realistisch? Stimmen wir mit den Erzeugern in den Zielen überein?

Intensive Beratungen fanden darüber Dienstag und Mittwoch in Fakovici statt. Ingrid und Slavica hatten im Vorfeld einen detaillierten Plan ausgearbeitet. Er basiert auf Vergangenheitswerten und Erfahrungen aus den Jahren 2013, 2014, 2015. Für 2016 wurden Schätzungen für das o.g. Exportmodell erarbeitet.

Es wurde deutlich, welche enormen Fortschritte die Gruppe der Top-Erzeuger, mit der wir schneller vorankommen wollen, erreicht hat und erreichen könnte in 2016. Darunter ist mindestens ein Mitglied, das 2015 eine um den Faktor 2 höhere Erntemenge erzeugt hat als in 2013. Im Prinzip ist also unser Entwicklungsprojekt eine richtig erfreuliche Erfolgsgeschichte.

Und doch, wir verlangen in dem Plan, der den Zielen des Antrags BMZ II zugrunde liegt, den Erzeugern einiges ab. Die Top-Erzeuger sollen, neben der Erfüllung zahlreicher Vorschriften und Erreichung der IQF-Qualität und Liefermengen die Kosten für den landwirtschaftlichen Fachberater selbst übernehmen. Dies wäre ein wichtiger Schritt in Richtung Geschäftsmodell mit Verantwortungsübernahme und Nachhaltigkeit. Obwohl diese Kosten für den Fachberater sehr überschaubar sind angesichts des zu erwartenden Erlöses, scheint es fragwürdig, ob die Erzeuger bereit sind, diese Investition zu übernehmen.

Für uns ist dies von entscheidender Bedeutung, weil wir nur so erkennen können, ob Pharos daran denken kann, Ende 2017 das Projekt in die Selbständigkeit zu entlassen. Slavica wird nun bis Dezember 2015 in Einzelgesprächen ermitteln, ob die Top-Erzeuger bereit sind, sich wie oben beschrieben zu engagieren. Wir werden dann wissen, ob wir einen Antrag an das BMZ stellen können und sollen. Der Plan beschreibt im übrigen etwas abgeschwächte Ziele für zwei weitere Gruppen, die ich aber hier nicht näher darstellen will.

Besuch beim Bürgermeister der Kreisstadt Bratunac am Montag (09.11.2015)

Dies ist nun schon Routine, ihn zu besuchen. Er hatte Erfolge zu verkünden. Das große Weltbank-Projekt, das die Errichtung von Wasserreservoirs, die Herstellung von Brunnen oder Ähnlichem zum Bewässern der Himbeerplantagen für 28 Gemeinden vorsieht, ist inzwischen genehmigt. Dies erfolgt nach unserem demonstrierten Erfolgsmodell und darauf dürfen wir alle sehr stolz sein. Die Schlauchsysteme müssen dabei die Erzeuger selbst finanzieren. Auch hier taucht die Idee der Übernahme von Eigenverantwortung auf.

Des weiteren soll 4 km flussaufwärts von Bratunac eine Brücke über die Drina gebaut werden. Dies ist ein wichtiges Infrastrukturprojekt, das den Verkehr zwischen Ost-Bosnien und Serbien erheblich verbessern wird. Beide Projekte sollen 2017 in Angriff genommen werden. Der Bürgermeister verabschiedet uns jedes Mal mit der Ermunterung, uns von Störenfrieden nicht beeindrucken zu lassen. „So sind wir halt“, sagt er. Siehe den nachfolgenden Punkt.

Störenfriede in Fakovici, Begegnungen am Dienstag und Mittwoch (10./11.11.2015)

Wir wurden in zwei Versammlungen schwer angegriffen. Einmal trat ein bitter enttäuschter Erzeuger in einer öffentlichen Versammlung erneut mit den alten Vorwürfen gegen uns auf. Er wirft uns Geldverschwendung wegen zu hoher Gehälter bei unseren Projektteammitgliedern und wegen der Einrichtung des Büros vor. Es geht unter anderem auch darum, dass ausgerechnet das Wasserreservoir, das er maßgeblich mit initiiert und mitgebaut hat, keinen ausreichenden Wasserdruck mehr aufweist, weil sich missbräuchliche Abnehmer angeschlossen haben.

Ein zweiter Kritikpunkt ist die Existenz und Gestaltung des Schulküchenbetriebs. Hier griff uns ein gewähltes Mitglied des Ortsverbandes schwer an. Wir hätten an dem Ortsverband vorbei diese Schulküche eingerichtet und Personal und Lebensmittellieferanten nach korrupten Gesichtspunkten ausgewählt, so die Klage. Wir wiesen daraufhin den Vorwurf der Korruption entschieden zurück. Wir zeigten, dass wir Personal und Lieferanten nach leicht nachvollziehbaren Kriterien ausgewählt hatten. Wir werden versuchen, in Zukunft kooperativ mit dem Ortsverband zusammenzuarbeiten.

Wir vereinbarten, dass der Ortsverband einen alternativen Vorschlag für die Lebensmittel- Lieferanten bis Februar 2016 vorlegen solle. Danach Beratung und Entscheidung, wie weiter vorgegangen werden soll.

Ich informierte inzwischen unsere Partnerorganisationen in Kassel und Eirene Holland über die Lage. Wir planen nun, dass die drei Vorsitzenden und Ingrid das Gesamtthema Schulküche am 16. und 17.01.2016 in Kassel beraten und nach Lösungen suchen sollen. Außerdem wollen wir einschätzen, welche unserer kühnen Gedanken für die Zukunft Fakovicis angesichts der Kritik realistisch sind.

Roma-Mitarbeiter-Teamtreffen am Donnerstag (12.11.2015)

Wir trafen unsere Mitarbeiterin Velida und unsere ehrenamtliche Mitarbeiterin Andrea, gebürtig aus Echterdingen, zum Mittagessen und zum anschließenden Review unseres großen Roma-Projektes.
Wir fragten: "Kommen wir den gesetzten Zielen näher, 22 Roma-Familien so zu befestigen, dass sie Ausweispapiere haben und damit für den Staat überhaupt sichtbar sind, Krankenversicherungen beantragen können, ihre Kinder in die Schule schicken und manches mehr."

Die Antwort war ausführlich und vielschichtig. Es gibt Ermutigendes zu berichten und es geht nicht ohne Enttäuschungen auf diesem Arbeitsgebiet. Ingrid wird, so hoffe ich, am Infoabend eine strukturierte Zusammenfassung zeigen, die ein Gefühl für diese schwere und äußerst wertvolle Arbeit bietet, die unsere Pharos-Mitarbeiterinnen Ingrid, Velida und Andrea hier leisten.

Besuch im verrutschten Bergdorf Zeljezno Polje (13.11.2015)

Wir entsteigen dem Auto und werden mit einer unbeschreiblichen Herzlichkeit und Dankbarkeit empfangen. Man zeigt uns, was mit unseren Spendenmitteln erreicht wurde (unter anderem haben wir dafür gesorgt, dass 50 Haushalte wieder einen Wasseranschluss bekamen), und wir sind aufs Neue selbst Beschenkte, als wir das Dorf nach einigen Stunden wieder verlassen.

Noch immer sind Planierraupen dabei, die ungeheuren Mengen Schutt der Murenabgänge und der vom Bach angeschwemmten Erdmengen zu verteilen. Viele Häuser sind verlassen, viele werden nie wieder bewohnt werden können, denn niemand kann sagen, ob der Bergrutsch irgendwann weitergeht. Aber der Geist in dieser Himbeeren-Erzeugergemeinschaft ist trotz aller äußerer Not geprägt von Vertrauen, dem Mörtel, der ein Geschäft zusammenhält.

Zum Schluss kaufen wir eine Kuh bei Walter Kofler und seiner Familie und schenken sie der Roma- Großfamilie mit dem Oberhaupt Oma Fatima in Vitez. Dies ist der erneute und gut vorbereitete Start eines Projektes, das sich erst noch bewähren muss. Der Viehzüchter Kofler hat eine Hochleistungskuh ausgesucht, die täglich bis zu 30 l Milch geben kann, wenn sie denn gut gefüttert wird. Sie wird demnächst ein Kalb zur Welt bringen. Die Familie hat nach der Einschätzung von Kofler das Zeug und die Erfahrung, mit dem Tier umzugehen. Wenn alles gut geht, kann das Projekt seine Fortsetzung finden mit dem Schenken von zwei weiteren Kühen an Roma-Familien.

Das Pharos-Leitungsteam wird sich mit allen o.g. Themen bei unserem Strategietreffen am 24. Januar 2016 auseinandersetzen und überlegen, wo wir in 10 Jahren mit Pharos sein wollen...

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